Doktorandenarbeit zum Thema:
„sicheres Radfahren“
Wer täglich mit dem Rad im Stadtverkehr unterwegs ist, hat sofort Bilder und Situationen im Kopf, die uns daran erinnern, dass bei aller Freude am Radeln auch Gefahren lauern.

So war mein Interesse sofort geweckt, als ich über die Homepage unseres Kreisverbandes auf eine interessante Studie zur Wahrnehmung von Komfort und Sicherheit beim Radfahren aufmerksam wurde. Denn für diese Studie der Universität Münster und der Beemo GmbH zur Bewertung des Verkehrsstressniveaus und der Wahrnehmung beim Radfahren in der Stadt wurden Teilnehmende gesucht.
Wenige Tage später traf ich am Institut für Geoinformatik in Münster auf Hager Abdelwahid, die an dieser Studie beteiligt ist. Nach einer kurzen Einführung radelte ich kreuz und quer durch die Stadt im Dienst der Wissenschaft, ausgestattet mit einer Kamera am Lenker und einer Messbox am Gepäckträger.
Nach ein paar Tagen traf ich Hager erneut, um ihr anhand der von ihr ausgewählten Videosequenzen meine subjektive Wahrnehmung während der Fahrt zu schildern. Wie habe ich mich in diesem Moment gefühlt? War die Situation stressig? Und wenn ja, warum? Habe ich mich sicher gefühlt oder eher nicht?
Hager gab mir die Gelegenheit, mehr über sie und das Projekt zu erfahren. Wir korrespondierten auf Englisch. Hager ist Mitte 30. Sie hat in Alexandria, Ägypten, Bauingenieurwesen studiert und anschließend einen gemeinsamen europäischen Masterstudiengang in Geospatial Technologies in Münster, Castellón und Lissabon absolviert. Derzeit promoviert sie am Institut für Geoinformatik in Münster.
Meine Fragen und ihre Antworten, die ich jeweils mithilfe eines Programms übersetzen ließ, habe ich nachfolgend zusammengefasst.
Um was für eine Studie handelt es sich?
Hager: Die Studie, an der ich beteiligt bin, ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Münster und der beemo GmbH, einem in Münster ansässigen Unternehmen, das Naviki entwickelt, eine Fahrrad-Navigations-App, die von Radfahrern weltweit genutzt wird. Sie wird durch SCALA finanziert, was für „Spatial Communication und Ageing across Languages“ steht, ein Marie-Sklodowska-Curie-Doktoranden-Netzwerk, das von der Europäischen Union und UK Research and Innovation unterstützt wird.
SCALA bringt Universitäten und Unternehmen in Deutschland, Großbritannien, Italien, Dänemark und Norwegen zusammen, um zu untersuchen, wie Navigation und räumliche Kommunikation Menschen im Alter besser unterstützen können. Innerhalb von SCALA konzentriert sich mein eigenes Doktorandenprojekt auf das Radfahren: Wie lassen sich Routen gestalten, die sich für Radfahrende unterschiedlichen Alters und Geschlechts sicher und komfortabel anfühlen?
Wie bist du auf das Thema gekommen?
Hager: Ich bin vor zwei Jahren nach Münster gezogen und habe mich, wie viele, die hierherkommen, fast sofort in das Radfahren verliebt. Es ist eine Stadt, die rund ums Fahrrad gebaut ist, und diese alltägliche Erfahrung weckte meine Neugier, warum sich manche Straßen wunderbar zum Radfahren anfühlten, andere hingegen nicht, obwohl sie auf der Karte ähnlich aussahen. Als sich die Gelegenheit bot, bei SCALA mitzuarbeiten und gemeinsam mit dem beemo-Team an Naviki zu arbeiten, entschied ich mich, mich auf die Verbesserung von Navigationshilfen für Radfahrende unterschiedlichen Alters und Geschlechts zu konzentrieren. Meine persönliche Neugier mit dem Forschungsnetzwerk und der App zu verbinden, fühlte sich wie eine perfekte Kombination an.
Was genau untersuchst Du und was ist das Ziel der Studie?
Hager: Ich untersuche, wie sicher und wohl sich Radfahrende auf verschiedenen Straßen fühlen und wie sich das mit dem vergleicht, was wir anhand von Karten und Straßendaten ermitteln. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit liegt darauf, wie sich das Radfahrerlebnis mit dem Alter verändert, sowie auf Radfahrerinnen, die Risiken oft anders wahrnehmen und mit anderen Herausforderungen konfrontiert sind als Männer.
Ziel ist es, diese Erkenntnisse zu nutzen, um sicherere Radwege für Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts zu fördern, damit Naviki und Stadtplaner allen gerecht werden können, nicht nur den selbstbewusstesten Radfahrenden.
Wie erfolgte die Untersuchung?
Hager: Alle Teilnehmenden haben mit einer am Fahrrad montierten 360-Grad-Kamera Videos in Verbindung mit GPS-Tracking aufgezeichnet. Die 360-Grad-Ansicht ist besonders aussagekräftig, da sie alles erfasst, was die Radfahrenden um sich herum sehen konnten.
Außerdem haben wir mit der senseBox:bike, einem kleinen Sensorsystem, Umgebungsdaten wie Luftqualität, Luftfeuchtigkeit und Überholmanöver von Autos erfasst.
In einem Laborinterview wurden die Teilnehmenden anschließend gebeten, die Videos danach zu bewerten, wie stressig die Situationen waren, und ihre Gefühle zu beschreiben. So können wir das visuelle Erlebnis einer Straße direkt mit einer klaren Wahrnehmungsbewertung verknüpfen.
Insgesamt 20 Teilnehmende, auch weitere vom ADFC, wirkten an diesem Projekt mit.
Warum ist die subjektive Wahrnehmung von Radfahrenden wichtig?
Hager: Weil das, was eine Karte zeigt, und das, was ein Radfahrer empfindet, nicht immer dasselbe sind. Zwei Straßen können auf einer Karte fast identisch aussehen und sich in der Realität völlig unterschiedlich anfühlen, und dieser Unterschied ist oft noch ausgeprägter bei Verkehrsteilnehmenden, deren Stimmen in Radfahrdaten normalerweise fehlen, wie ältere Radfahrende und Frauen. Diese gelebte Erfahrung zu erfassen, ist unerlässlich, um Routen und Städte zu gestalten, die für echte Menschen funktionieren.
Dinge wie Vorwegnahme, Zögern und die kleinen alltäglichen Entscheidungen, die Radfahrende in ihren Köpfen treffen, kommen erst im Gespräch zum Vorschein. Die Interviews geben diesen stillen Beobachtungen eine Stimme.
Nach welchen Kriterien sind die Videosequenzen ausgewählt worden?
Hager: Wir haben Clips ausgewählt, die die Vielfalt der Radfahrsituationen in Münster widerspiegeln: ruhige Wohnstraßen, belebte Hauptstraßen, eigene Radwege, Mischverkehrsbereiche und verschiedene Arten von Kreuzungen. Wir haben ruhige und anspruchsvolle Momente ausgewogen dargestellt und jeden Clip kurz genug gehalten, damit die Teilnehmenden konzentriert blieben und natürlich reagieren konnten.
Gab es Aussagen oder Ergebnisse, die dich besonders überrascht haben?
Hager: Die Analyse ist noch im Gange, daher gehört die vollständige Darstellung in die Abschlussarbeit. Was bereits auffällt, ist, wie aufmerksam die Teilnehmenden sind. Sie erklären sehr deutlich, warum sich eine bestimmte Straße einladend oder stressig anfühlt, und genau diese Erklärungen sind die Art von Erkenntnissen, die Planer und Streckenentwickler benötigen.
Gibt es Muster, wann sich Radfahrende unsicher oder gestresst fühlen?
Hager: Die detaillierten Muster werden in der Abschlussarbeit vorgestellt. Im Einklang mit internationalen Forschungsergebnissen fühlen sich Radfahrende im Allgemeinen weniger wohl in der Nähe von schnellem Verkehr, an komplexen Kreuzungen und dort, wo die Radverkehrsinfrastruktur plötzlich abbricht.
Welche Erkenntnisse erhoffst Du dir von der Studie?
Hager: Ich hoffe, dass Planerinnen und Planer sowie Personen, die Touren entwickeln, ein klareres Bild davon bekommen, was Radfahrende tatsächlich erleben, insbesondere Verkehrsteilnehmende, deren Perspektiven in der Fahrradforschung allzu oft fehlen, wie Frauen und ältere Radfahrende. Selbstbewusste Pendlerinnen und Pendler, ältere Frauen und vorsichtige Kinder haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Ergebnisse, die Städten und Apps wie Naviki dabei helfen, für alle zu gestalten, wären ein bedeutender Schritt nach vorne.
Können solche Studien einen konkreten Beitrag leisten?
Hager: Ja. Sie geben Menschen eine Stimme, die beim Radfahren mit Herausforderungen konfrontiert sind. Wenn eine Stadt versteht, wie sich Radfahren für verschiedene Altersgruppen und Geschlechter anfühlt, werden Entscheidungen über die Infrastruktur und Streckenempfehlungen intelligenter und gerechter.
Zum Abschluss ein paar persönliche Fragen:
In welcher Phase deiner Doktorarbeit befindest du dich?
Hager: Die Doktorarbeit wird drei bis vier Jahre dauern. Ich befinde mich in der aktiven Forschungsphase. Ich sammle und analysiere Daten und veröffentliche erste Ergebnisse.
Hat die Studie deine Sicht auf das Radfahren verändert?
Hager: Ja. Mir fallen mittlerweile fast automatisch kleine Details auf, wie zum Beispiel die Breite eines Radwegs oder Gestaltung einer Kreuzung. Radfahren ist für mich sowohl zu einer täglichen Freude als auch zu einer ständigen kleinen Forschungsbeobachtung geworden.
Fährst du heute anders als früher?
Hager: Ein bisschen. Ich bin geduldiger, was längere, aber ruhigere Strecken angeht. Außerdem achte ich viel mehr auf andere Radfahrende um mich herum, besonders auf Kinder, ältere Radfahrende und Frauen, weil ich weiß, wie unterschiedlich sich dieselbe Straße für verschiedene Menschen anfühlen kann.
Hager: Was wünschst Du dir für die Zukunft des Radfahrens in Städten wie Münster?
Ich würde mir Städte wünschen, in denen ein Achtjähriger und ein Achtzigjähriger überall gleichermaßen sicher Rad fahren können und in denen sich eine Frau, die alleine Rad fährt, genauso wohl und sicher fühlt wie alle anderen auf der Straße. Das bedeutet durchgehende, gut vernetzte Radwegenetze, ruhige Straßen, auf denen sich Autos und Fahrräder respektvoll den Raum teilen, und Kreuzungen, deren Überqueren keinen Mut erfordert. Münster ist bereits eine wunderbare Fahrradstadt, und mein Wunsch ist, dass sie zum Vorbild für inklusives Radfahren für alle Altersgruppen und Geschlechter wird.
Ich danke Hager für die Einblicke in das Projekt und wünsche ihr viel Erfolg für ihre Doktorarbeit.


