2024 reiste der Journalist und Filmemacher Ingwar Perowanowitsch zur Weltklimakonferenz COP 29 in Baku – von Freiburg aus mit dem Fahrrad. Er wollte „von unterwegs über Positivbeispiele der Verkehrswende und am Zielort über die globale Klimapolitik“ berichten. Über die Klimakonferenz konnte er berichten, über die Verkehrswende weniger – dafür war er, so stellte er fest, „in die falsche Richtung gefahren“.
Ein Jahr später ist Ingwar Perowanowitsch wieder zu einer Radreise aufgebrochen, diesmal in die andere Richtung: von Freiburg aus nach Paris und weiter via Gent, Utrecht, Amsterdam, Groningen, Hamburg bis nach Kopenhagen. Entstanden ist dabei der Film „Cycling Cities – Eine neue Geschichte der Mobilität“.
Der Film ist einerseits ein Fahrrad-Reisefilm, der Lust darauf macht, die Taschen zu packen und loszuradeln. Wir sehen den Filmemacher auf seinem Weg, über Brücken fahrend, entlang von Flüssen, auf den unterschiedlichsten Straßen und Radwegen und abends vor seinem Zelt sitzend. Die Kameradrohne liefert spektakuläre Bilder, zum Beispiel vom Nordseeküstenradweg durch die niederländische Dünenlandschaft, vom Westerhever Leuchtturm in Norddeutschland oder der berühmten „Cykelslangen“ in Kopenhagen.

© Ingwar Perowanowitsch
Hauptsächlich aber ist „Cycling Cities“ ein verkehrspolitischer Dokumentarfilm, der ergründen möchte, wie Verkehrswende gelingen kann. Was machen die bereisten Städte gut? Und was können wir von ihnen lernen?
Paris ist die erste Station der Reise, könnte aber gut auch das Ziel sein, denn die Stadt steht wie kaum eine andere für einen Wandel. Perowanowitsch zufolge ereignet sich hier eine „echte Fahrradrevolution“. Die von Bürgermeisterin Anne Hildalgo angestoßene Umverteilung des öffentlichen Raumes hat innerhalb eines Jahrzehnts für radikale Veränderungen gesorgt und Paris klimafreundlicher und klimaresilienter gemacht: neue Radwege und Fußgängerzonen, Stadtwälder und Straßenbegrünung, Tempo 30 in großen Teilen des Stadtgebietes und höhere Parkgebühren sind Maßnahmen, die Wirkung zeigen. Die Luftqualität hat sich um 40 % verbessert, der Autoverkehr seit 2002 halbiert, der Radverkehr hat um 300 % zugenommen.
Städte wie Gent, Amsterdam oder Utrecht haben schon viel früher aufs Fahrrad gesetzt und den Autoverkehr in den Innenstädten reduziert. Interessant sind die im Film präsentierten Gegenüberstellungen von historischen und aktuellen Aufnahmen, die die Veränderungen deutlich zeigen, beispielsweise am Catharijnesingel-Kanal in Utrecht: Zwischenzeitlich für den Bau einer (nie komplett realisierten) Stadtautobahn zugeschüttet, wurde dieser wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt und lädt heute zum Spazierengehen und Bötchen Fahren ein.
Der Film zeichnet auch den Kampf gegen die autogerechte Stadt im Amsterdam der 1970er Jahre nach. Aus dem Protest von Kindern für mehr Spielstraßen entwickelten sich Massenproteste, die den Anstoß dafür gaben, auf das Fahrrad statt auf das Auto zu setzen. Heutzutage seien breite Radwege und eine insgesamt komfortable Fahrradinfrastruktur so normal und selbstverständlich für die Einwohnenden der Niederlande, dass sie eine Diskussion über die Verteilung des öffentlichen Raumes für überflüssig halten, es wenig Aktivismus gebe, erzählt Marco te Brömmelstroet, Mobilitätsforscher an der Universität Amsterdam, im Interview. Dabei, sagt er, hätten auch die Niederlande „das Potenzial ihrer Städte noch lange nicht ausgeschöpft“: gutes Leben zu ermöglichen, ohne auf schnelle Mobilität zu setzen. Was fehle, seien grünere Straßen, spielende Kinder, Menschen, die sich auf der Straße treffen und handeln; dazu müssten wir den öffentlichen Raum grundlegend neu denken.

© Ingwar Perowanowitsch
Was wir in „Cycling Cities“ auch sehen: unzählige Menschen auf dem Fahrrad. Bilder von vollen Radwegen, von entspannten Menschen auf dem Fahrrad, unterlegt mit fröhlicher Musik – auch dafür nimmt der Film sich Zeit. Und ja, es macht Freude, ihnen dabei zuzusehen. Es bewahrheitet sich, was Ingwar Perowanowitsch zu Beginn seines Filmes sagt: Argumente für die Verkehrswende gibt es viele, aber sie erreichen nur den Kopf, Bilder und Geschichten erreichen das Herz. Wir müssen auch Lust bekommen, Städte neu zu gestalten. „Cycling Cities“ weckt diese Lust.
Neugierig geworden? „Cycling Cities“ ist frei verfügbar bei YouTube zu sehen.


