Ortsgruppe Ahlen Fritz Spratte und Martin Kamps
Im Leezen-Kurier 1-2026 unterzog Heinz Braunsmann das Veloroutenkonzept der Stadtregion Münster einer kritischen Betrachtung. Auch östlich der Stadtregion, im Kreis Warendorf, gibt es im Radverkehrskonzept einen Abschnitt zu Velorouten. Acht Jahre nach Verabschiedung des Radverkehrskonzeptes ist eine Betrachtung des Sachstands angezeigt.
Grundlegende Anforderungen an das Veloroutennetz:
- Verbindung wichtiger Ziele und Quellen des Radverkehrs auch über die Kreisgrenzen hinaus,
- Direktheit,
- subjektive Sicherheit durch soziale Kontrolle,
- leichte Erkennbarkeit und
- Fokus auf den Verbindungen außerhalb der geschlossenen Ortschaften.
Die Aussage des Konzeptes „Der Bau von Radwegen, die nur die heutigen Mindestanforderungen erfüllen, ist in Hinblick auf einen zunehmenden und schneller werdenden Radverkehr unbedingt zu vermeiden. Teure und schwer zu revidierende Fehlinvestitionen können entstehen, wenn nicht auf die Notwendigkeit für das sichere Überholen von langsameren Fahrradfahrern oder ausreichende Kurvenradien und Sichtweiten geachtet wurde.“, (S. 7), stimmt hoffnungsfroh. So werfen wir einen Blick auf die Qualitätsstandards für Velorouten, (S. 53).

Man achte auf das unscheinbare Sternchen: Es bedeutet „nur bei grundhafter Sanierung, Flächenverfügbarkeit usw.“ – die Schlupflöcher, nicht eine Mindestbreite von 2,5 Metern zu realisieren sind damit vorprogrammiert! Und das, obwohl diese Mindestbreite u.a. das sichere Überholen und Begegnen erst ermöglicht,
Insgesamt soll das Veloroutennetz außerhalb der Stadtregion Münster 174,4 Kilometer umfassen. Von den 174,4 Kilometern erfüllten 2018 92,6 Kilometer die Breite von 2,5 Meter. Für 52,6 Kilometer (38,2 auf Mehrzweckstreifen entlang Bundes- bzw. Landesstraßen, 14,4 Bestand) wurden “Ausbaupotenzial“ und „Ertüchtigung“, also eine Verbreiterung, erhoben. 29,2 Kilometer Netzlücken wurden festgestellt. Bereits 2018 wurden die Kosten mit 29,2 Mio. € beziffert, wobei mehr als 75 % auf das Land entfallen. Der Kreis exkulpiert sich bereits im Vorfeld: „Das Radverkehrskonzept stellt in weiten Bereichen eine mittel- bis langfristige Aufgabe dar. Die Umsetzung hängt im Wesentlichen von ausreichenden Finanzmitteln der verschiedenen Baulastträger der Straßen ab.“
Bzgl. der Umsetzung wurden fünf Strecken priorisiert, von denen zwei, nämlich Alverskirchen – Wolbeck und Telgte – Münster, zur Stadtregion Münster gehören. So verbleiben Beckum – Neubeckum – Ennigerloh, Freckenhorst – Warendorf und Ahlen – Beckum. Die Begründung der Priorisierung Ahlen – Beckum steht jedoch auf unsicherem Grund: die Potenzialanalyse bezieht sich ausschließlich auf Einwohnerzahlen, nicht auf bestehende Pendlerbeziehungen, und es ist unbekannt, ob das Potenzial zwischen Ahlen Kernstadt – Beckum Kernstadt oder dem großen Ortsteil Neubeckum, oder zwischen den Ahlener Ortsteilen Vorhelm und Dolberg und Beckum oder Neubeckum besteht.

Veloroute an der 58 (c) M. Kamps
Zielerreichung 2026
Neu gebaut wurden 1,7 Kilometer zwischen Freckenhorst und Warendorf Stadtgrenze und 500 Meter zwischen Drensteinfurt Stadtgrenze und B 58. Zeitnahe Neubauplanungen sind nicht bekannt. In acht Jahren wurden bei 29 Kilometern Netzlücken also weniger als 10 % geschlossen.
Umgestaltet durch Querschnittsverschiebung (Umbau der beidseitigen Mehrzweckstreifen in einseitige gemeinsam genutzte Geh- und Radwege mit 2,5 Meter Breite) wurden 5 Kilometer, weitere 5 Kilometer sind aktuell im Bau. Zeitnah geplante Umgestaltungen sind nicht bekannt. In acht Jahren wurden bei 38 Kilometern Mehrzweckstreifen immerhin 25 % umgestaltet. Mit der Begründung „Fläche stand nicht zur Verfügung“ wurde die in den ohnehin schmalen Qualitätsstandards angezielte Breite von 3 Metern nicht erreicht.
Ertüchtigungen im Veloroutennetz (Verbreiterungen auf mindestens 2,5 m, Umgestaltung von Kurvenradien) fanden nicht statt.
Bewertung:
Kilometermäßig ist der Grad der Zielerreichung sehr überschaubar. Die „Seitenmarkierung Schmalstrich“ erfolgte nur an wenigen Strecken. Querungshilfen an den Ortseingängen beim Übergang des einseitigen Zweirichtungsradwegs in die im Regelfall beidseitigen Radwege oder den innerörtlichen Mischverkehr sind nicht der Regelfall, die Weiterführung der Velorouten innerorts findet nicht statt. An vier Strecken wird durch Führung auf Wirtschaftswegen des NRW-Netzes von den Grundsätzen „Direktheit“ und „Sicherheit durch soziale Kontrolle“ abgewichen. Von dem Qualitätsmerkmal „optische Wiedererkennbarkeit“ hat man sich stillschweigend verabschiedet. Planungen über die Kreisgrenzen hinaus – Ahlen hat z. B. nach Hamm die stärkste Pendlerbeziehung, aber keine Verbindung für den Alltagsradverkehr – sind nicht erkennbar.
Die Qualitätsstandards der Velorouten sind bescheiden. Zeitziele zur Umsetzung des Konzeptes fehlen. Angaben zur Finanzierung der 21,9 Mio. € fehlen; es wird auf Fördermittel von Bund und Land verwiesen. Es fehlen Angaben zur Bereitstellung der eigenen Mittel der Baulastträger, da Förderprogramme im Regelfall Zuschüsse beinhalten. Bei dem bescheidenen Anspruch des Konzeptes, 5 % der Fahrten (nicht der Kilometerleistung!) vom Kfz auf den Radverkehr zu verlagern, darf man aber auch nicht zu kritisch sein.
Fazit
Es lohnt sich die zahlreichen Konzepte, Impulse sowie Planungen verschiedener Ebenen und deren konkrete Umsetzungen durch die jeweiligen Baulastträger immer wieder auf den Prüfstand aktueller Erkenntnisse sowohl von Wissenschaft und Technik zu stellen. Dabei müssen auch die wertvollen Alltagserfahrungen der Radfahrenden berücksichtigt werden. Diese Erfahrungen und das ganze praktische Wissen werden oft nicht synchronisiert mit den Planungen der vielen unterschiedlichen Ebenen, angefangen in den Städten und Gemeinden über die Kreise hin in die Regionen bis zu Land und Bund oder gar in die Euregio. Hier kann der ADFC im Münsterland eine noch stärkere Interessenvertretung der Radfahrenden sein. Ganz im Sinne unserer aktuellen Kampagne „einfach.sicher.radfahren“.
Fotos:

„Ende einer Veloroute“ (Fritz Spratte)
Veloroute mit 2,5 m Breite auf einseitigem gemeinsamem Zweirichtungsradweg mit Oberfläche in Straßenasphaltqualität, Seitenrandmarkierung und plangleichen Querungen – für eine wenig genutzte Verbindung akzeptabel. ©Martin Kamps

